Donnerstag, 11. Juli 2013

Die Macht der Vergangenheit

Im Spiegel lächtelt dich ein selbstbewußter Mensch an. Du bist über 40, und hast dir endlich erkämpft, dass du weißt, wer du bist, was du kannst, was dir gut tut und was nicht.

Du hast Freunde, vielleicht einen Partner, eigentlich magst du dich so, wie du bist. Du bist selbstsicher und läßt dir nicht mehr so schnell in die Suppe spucken.

Aber in dir wohnt noch die Vergangenheit. Sie kommt manchmal zurück, vielleicht in Form eines Exfreundes, den du in der Stadt siehst, der Stalker. Keine reale, aktuelle Gefahr mehr, aber plötzlich überfällt dich die Hilflosigkeit von früher wieder. Alle können sagen: Ach, der tut nix mehr. Warum sind dann Angst und Scham noch so lebendig?

Manchmal ist es eine Kombination aus Erinnerungen und aktuellen Gefühlen, die dir deine Beine wegsäbelt. Ohne Warnung. Jemand, den du gerne magst, der meldet sich nicht, das heißt aber gar nichts, denn der hat ja viel zu tun. Dein böses Gehirn flüstert dir eine Fußnote zu: Und du stehst ja auf der Prioritätenliste viel weiter unten, als du geträumt hast.

Dann eine Erinnerung: Eine Féte, du warst Teenie. Das war lustig. Musik, was zu rauchen, Leute. Tatsächlich warst du teilweise so weggeschellert, dass du nicht mehr viel weißt von der Nacht.

Doch. Jetzt, wo du nachts wachliegst, fällt es dir wieder ein: Du hast, als du schlafen wolltest, wachgelegen. Denn eigentlich warst du nur Zaungast in diesem bunten Treiben. Die anderen waren cooler, hübscher, mutiger. Die hatten auch den Mut, mal Jemanden anzulabern. Jemanden aufzureißen. Aber du, du warst ja so... unsichtbar. Der Beobachter.

Mal hart formuliert: In der Nacht hatten wahrscheinlich alle Sex, außer mir. Es war nicht so, dass ich nicht wollte. Mir schien bloß der Eintritt in diese Welt verwehrt, wegen meines Selbstbewußtseins. Ich lag da in meinem Schlafsack, ich konnte die anderen hören. Ich bin gestorben damals, ich habe geheult, mich scheiße gefühlt. Und dann, 30 Jahre später, kommt das Gefühl zurück.

Warum zu Geier? Ich dachte, ich wäre hier sicher. Ich habe einen Partner, der mich liebt, ich kann es in seinen Augen sehen. Warum hat das diese Macht über mich, dass ich heule, als würde ich wieder in diesem Schlafsack liegen? Ich bin da drüber. Ich weiß, so blöd seh ich gar nicht aus.

Ein Teil von mir will unbedingt in die Zeit zurück und mir selbst zuflüstern: Vergiß doch deine blöde Brille. Vergiß, was deine Mutter gesagt hat, dein Vater, der blöde Cousin deiner Freundin. Der hat nämlich, als ich in den eine Woche verschossen war, mal meine Brille abgenommen, mich gemustert, dann einfach nur verneinend den Kopf geschüttelt und mir die Brille zurückgegeben. Danke, Wichser, sage ich heute. Damals eher so: Ach, es liegt gar nicht an der Brille. Mein Gesicht ist scheiße.

Aber ich mache es nicht ungeschehen, und es tut einen kurzen Moment so weh wie früher. Niemand gibt mir die Jugend zurück mit ihren Möglichkeiten und Gelegenheiten, die ich nie genutzt habe. Ich-kann-es-nicht-ändern.

Ich muss mich einfach beruhigen, denn die Gegenwart muss ich nicht ändern. Die ist gut, wie sie ist, und dafür bin ich dankbar. Wenn die Vergangenheit mit klammen Fingern nach mir greift, habe ich Freunde, die mir helfen können. Ich muss Fremden nicht gefallen, schon gar nicht solchen, die mich nicht auf ihrem Zettel haben. Der kleine, wuselige, bebrillte Teenager in mir ist immer noch da, und ich habe keine Ahnung, warum die Vergangenheit noch so eine Macht hat.

Aber das geht vorbei. Wie die Jugend.