Dienstag, 4. August 2015

No Fanservice oder: Sexuelles Mittelalter

Jeder möchte gerne stolz auf seine Heimat sein, jetzt ohne national drüberauszuflippen.

Aber manchmal meine ich, ich lebe hier im frühen Mittelalter. Sicher, Zuse hat den Computer erfunden, Bayer Aspirin, und wir sind seit der WM bei uns ganz dolle nett und so richtige Partykumpel.

Aber ein Land, in dem es der Oberhammer ist, wenn sich ein Fußballspieler als schwul outet (aber bitte sehr nur bereits ausgestiegene, was soll sonst der Ausrüster sagen?), in der Jungs, weil sie ein bißchen geschminkt sind oder sonst wie auffällig putzig, vor dem Mäckes verprügelt werden, wo Lesben als exotische Wesen angesehen werden und auch sowieso niemand darauf kommt, dass es tausend Möglichkeiten dazwischen geben kann, sein Aussehen, seine Vorlieben, seine Geschlechterrolle ausleben zu können - DAS SOLL FORTSCHRITTLICH SEIN?

Ich habe ja das relative Glück, hetero zu sein, mit einer Option, das Ganze noch mal zu überdenken, falls nach einem Alienangriff nur noch Oliver Pocher, Boris Becker und Jessica Alba übrig bleiben. Einzig meine Vorliebe für dunkle Farben, coole Klamotten und ganz ganz hübsche Jungs bringen mich da schon mal auf die Idee, etwas aus dem Rahmen des Medien-und Konsuminteresses, also der geltenden Norm herauszufallen.

Ersteres ist schnell geklärt. Guck im C&A oder H&M in die Frauenabteilung, erblicke das Rosa, das Hellgelb, die goldenen Kettchen, die hochhackigen Schuhe, und dann geh eine Etage weiter und lass dich einfach mal als Klamottentransvestit beglotzen, wenn du in den coolen grauen Jacken und den Nietenarmbändern wühlst. Im P&C habe ich mal auf eine Männerjeans meinen Personalrabatt haben wollen, die Dame an der Kasse sagte: "Aber Sie dürfen den Rabatt nur für sich selbst beanspruchen!". Ich zeigte stumm an mir herab. Sie blinkerte mit den Augen und meinte: "Ooohh, ach so, gut...". Wie oft ich deshalb schon als Klischeelesbe eingestuft und angesprochen werde, is jetzt auch egal, tausend Mal lieber Latzhosenlesbe als Klischeetusse, oder näht mir doch einfach ein Kleid, was mir gefällt, und ich zieh's auch an.

Nur eins noch: Männerschuhe bitte immer ab Größe 40 herstellen. Danke.

Und jetzt mal so dieses hier heikle Thema: Bisexualität und Männer. Frauen, die drauf stehen, wenn sich Jungs oder Männer mal küssen - und sei das nur aus Spaß. Iiiiihhhh! Geh weg!! Pervers!!

Männer prahlen in Soaps oder im echten Leben damit, was sie alles für Lesbenpornos gucken: Normal! Klar! Logo, oder? Is ja viel geiler.

Och Leute.Wacht doch mal auf. Wir sind wie ihr. Da gibt es alles. Manche findens scharf, wenn Frauen sich küssen, manche, wenn Männer sich küssen, wieder andere nicht. Und es gibt ganz, ganz viele Frauen, die finden es sehr sehr schade, dass da ganz viele Männer nicht checken, dass sie so ein paar Tricks übersehen, Frauen scharf zu machen.

Meine beliebte Partyfrage an angetrunkene Männer: Aliens wollen die Welt zerstören, wenn du nicht einen Typen küsst, oder die halten deiner Frau eine Laserpistole an den Kopf, also, wen würdest du da nehmen? Glaubt mal nicht, die sagen dann: "Also wenn ich unbedingt müsste, dann Daniel Craig" oder sonst so was, neee, dann hat die Frau oder die Welt aber Pech gehabt. Leute, was lache ich, wenn das mit den Aliens mal in echt passiert.

Ich werde lachend sterben. Männer sind da komplett humorlos, die meisten jedenfalls.

In Japan (und Korea) sind die Leute weiter. In der sogenannten JRock oder JPop-Szene gibt es ganz viele bunte Boybands, die dürfen sich alle lustig schminken und verkleiden spielen, ohne dass da jemand unbedingt meint, die sind gemein schwul und müssten sofort dafür vor dem Mäckes verprügelt werden. Im Gegenteil, die Mädels stehen drauf wie ne Eins, wenn die mit diesem Image spielen. Und wenn die sich dann nur für Spaß mal auf der Bühne küssen, heißt das "Fanservice" - weil, da stehen die ja drauf. Und wenn auch die Hälfte von den Jungs zuhause ne Frau hat, völlig egal, ist ja nur ein Spiel. Die Mädels müssen sich dann auch nicht sehr merkwürdig und leicht pervers vorkommen, sondern tauschen im Internet munter kleine sexy Stories aus, die sie ihren Popstars andichten. Macht das Leben bunter.

Aber bunter, da hat es Deutschland ja nicht so mit. Da grübelt man schwersinnig nach, trägt dunkelblaue Tatzenjacken und ersinnt Computer und Autos. Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt, wie damals, als mit Alfred Biolek mal ein bekennender Schwuler in den Medien war, der keine Federboa trug und als Frau auftrat (wie, das ist nicht das Gleiche?). Aber in Sachen Geschlechterrollen, einfach mal alles ganz locker sehen und die Menschen in ihrer unterschiedlichen Lebensart einfach akzeptieren - das klappt noch nicht.

Komplett unspießige Männer, die, auch wenn sie lieber mit Frauen schlafen, mal so ein bißchen mit dem Image kokettieren, bi zu sein? (Wenigstens so tun... ich verhandel schon... Bi ist ja wohl für die ältere Generation nicht so die Option, oder kennt das einfach keiner? Hm?) Gibt es vielleicht drei. Irgendwo. Hab sie jedenfalls noch nicht getroffen.

In Amerika gibts junge Leute wie Ezra Miller, der, auch wenn er deutlich häufiger eine Frau im Arm hat, auch einfach mal sagt: Ich lass mir da gar nix vorschreiben, einen Regenbogen-Button trägt und meint: Ich verliebe mich in Personen, nicht in Geschlechter.

Und hier? No Fanservice in Germany!



Donnerstag, 25. Juni 2015

HSP, die hochsensible Prinzessin

Warum wollen Menschen, die eigentlich auf Individualität und Unabhängigkeit stehen, gerne zu irgendeiner Gruppe gehören? Das fragte ich mich unlängst, über mich selbst reflektierend. Ganz einfach. Man will weniger einsam sein. Jeder, mag er noch so ein Eigenbröder sein, will das, da kann mir keiner was erzählen.
Und: Man will sich selbst verstehen. Auch das will jeder. es hilft einem nämlich, zu denken, man wäre nicht bekloppt.

Ich finde mich selbst immer recht anstrengend, immer ist irgendwo Alarm, irgendwas stimmt nicht, ich finde mich dann selbst undankbar für mein schönes Leben, aber keine Angst, ich empfinde Glück ebenso intensiv wie meine innere Unruhe.

Und da liegt mein Problem: Ich empfinde alles sehr intensiv. Ach, wie schön, ja, klar, aber es ist anstrengend, und ein Teil von mir möchte sich auf ein Sofa legen und sich langweilen, und NICHTS denken. Vielleicht sollte ich es wirklich mal mit der "Meditation bis zum todesähnlichen mentalen Zustand" versuchen. Wenn ich da nicht zu viel zu tun hätte und zu unruhig wär.*nervös kicher*

Ich habe mich selbst unlängst als hochsensible Persone eingestuft und habe mich dann vor der ausgedachten Reaktion anderer weggeduckt. Die sehe ich den Kopf schütteln und sagen: "Ja, diiee, die will auch was haben, um interessanter zu sein, und außerdem ist die einfach nur die Prinzessin auf der Erbse. Die kriegt in echt nicht mit, wie es mir manchmal geht."

Jau. Ja, ich reagiere nicht immer auf das, was ich glaube zu sehen und zu merken, weil ich nie weiß, wie weit ich in die Gefühlswelten Anderer eindringen darf. Ich denke zu viel da drüber nach, und dann fühle ich mich hilflos und tu nix.

Und ich will nix haben. Ich will normal sein, und ausgeglichen, und langweilig. Ich will gleichmäßig sein. Aber die Welt ist voller Gerüche, Anblicke und Erlebnisse, die mich gleichzeitig anstrengen und süchtig machen, daher gehe ich zu einem Konzert, obwohl ich vorher Migräne kriege, Herzklopfen und nicht pennen kann, nur weil ich daran denke, dass hinter mir Menschen stehen und ich nicht sofort weg kann. Dreimal war es so schlimm, dass ich nicht gehen konnte, und da habe ich mich hinterher mächtigst geärgert. Too much, too many people. Anderseits kann ich stundenlang dasitzen, mit dem Rücken zu einer Wand bitte, und mir das reinziehen. Wimmelnde Wesen. Und dann brauche ich eine lange Pause.

Gerüche, Licht in einer fiesen Farbe (Neon), gleichmäßige Geräusche wie Ticken machen mich wahnsinnig, das Grün und Blau der Natur macht mich süchtig und rührt mich zu Tränen. Gerührt bin ich sehr oft über irgendwas, und dass kann ich super verbergen, außer wenn die doofen Tränen in meine Augen steigen und meine Stimme zittrig wird. Ich bin die Dramaqueen und die Prinzessin auf der Erbse, die nicht pennen kann, weil die Katze so laut geht und ihre Krallen auf dem Boden klickern.

Und dann erst das Langzeitgedächtnis, das alles in meine Festplatte eingebrannt hat. Ich kann mich erinnern, wie das Zimmer des Nachbarsjungen aussah, als ich sieben war. Ich erinner mich an Kleinkram, der mir unnütz das Gehirn verstopft, wenn er auftaucht wie Handpuppen im Kasperletheater, unmittelbar und albern oder erschreckend. Ich stehe dann an diesem Ort, und jetzt gerade sehe ich ein Appartment, in dem ich mit meinen Eltern auf Gran Canaria war. Die Fliesen sind braun und es riecht nach diesem desinfizierenden Chlorputzmittel, das es nur in südlichen Ländern zu geben scheint. Ich trage einen kurzen, dunkelblauen Chinabademantel mit weißem Schriftzeichen, Zöpfe, meine Brille und einen Strohhut.

Na, bin ich bekloppt? Hochsensibel, und wenn das klingt wie kleine zickige Mädchen, die sich die Ohren zuhalten, na dann kann ich damit leben, denn anscheinend gibt es noch andere wie mich. Das tröstet irgendwie ungemein.