Dienstag, 4. August 2015

No Fanservice oder: Sexuelles Mittelalter

Jeder möchte gerne stolz auf seine Heimat sein, jetzt ohne national drüberauszuflippen.

Aber manchmal meine ich, ich lebe hier im frühen Mittelalter. Sicher, Zuse hat den Computer erfunden, Bayer Aspirin, und wir sind seit der WM bei uns ganz dolle nett und so richtige Partykumpel.

Aber ein Land, in dem es der Oberhammer ist, wenn sich ein Fußballspieler als schwul outet (aber bitte sehr nur bereits ausgestiegene, was soll sonst der Ausrüster sagen?), in der Jungs, weil sie ein bißchen geschminkt sind oder sonst wie auffällig putzig, vor dem Mäckes verprügelt werden, wo Lesben als exotische Wesen angesehen werden und auch sowieso niemand darauf kommt, dass es tausend Möglichkeiten dazwischen geben kann, sein Aussehen, seine Vorlieben, seine Geschlechterrolle ausleben zu können - DAS SOLL FORTSCHRITTLICH SEIN?

Ich habe ja das relative Glück, hetero zu sein, mit einer Option, das Ganze noch mal zu überdenken, falls nach einem Alienangriff nur noch Oliver Pocher, Boris Becker und Jessica Alba übrig bleiben. Einzig meine Vorliebe für dunkle Farben, coole Klamotten und ganz ganz hübsche Jungs bringen mich da schon mal auf die Idee, etwas aus dem Rahmen des Medien-und Konsuminteresses, also der geltenden Norm herauszufallen.

Ersteres ist schnell geklärt. Guck im C&A oder H&M in die Frauenabteilung, erblicke das Rosa, das Hellgelb, die goldenen Kettchen, die hochhackigen Schuhe, und dann geh eine Etage weiter und lass dich einfach mal als Klamottentransvestit beglotzen, wenn du in den coolen grauen Jacken und den Nietenarmbändern wühlst. Im P&C habe ich mal auf eine Männerjeans meinen Personalrabatt haben wollen, die Dame an der Kasse sagte: "Aber Sie dürfen den Rabatt nur für sich selbst beanspruchen!". Ich zeigte stumm an mir herab. Sie blinkerte mit den Augen und meinte: "Ooohh, ach so, gut...". Wie oft ich deshalb schon als Klischeelesbe eingestuft und angesprochen werde, is jetzt auch egal, tausend Mal lieber Latzhosenlesbe als Klischeetusse, oder näht mir doch einfach ein Kleid, was mir gefällt, und ich zieh's auch an.

Nur eins noch: Männerschuhe bitte immer ab Größe 40 herstellen. Danke.

Und jetzt mal so dieses hier heikle Thema: Bisexualität und Männer. Frauen, die drauf stehen, wenn sich Jungs oder Männer mal küssen - und sei das nur aus Spaß. Iiiiihhhh! Geh weg!! Pervers!!

Männer prahlen in Soaps oder im echten Leben damit, was sie alles für Lesbenpornos gucken: Normal! Klar! Logo, oder? Is ja viel geiler.

Och Leute.Wacht doch mal auf. Wir sind wie ihr. Da gibt es alles. Manche findens scharf, wenn Frauen sich küssen, manche, wenn Männer sich küssen, wieder andere nicht. Und es gibt ganz, ganz viele Frauen, die finden es sehr sehr schade, dass da ganz viele Männer nicht checken, dass sie so ein paar Tricks übersehen, Frauen scharf zu machen.

Meine beliebte Partyfrage an angetrunkene Männer: Aliens wollen die Welt zerstören, wenn du nicht einen Typen küsst, oder die halten deiner Frau eine Laserpistole an den Kopf, also, wen würdest du da nehmen? Glaubt mal nicht, die sagen dann: "Also wenn ich unbedingt müsste, dann Daniel Craig" oder sonst so was, neee, dann hat die Frau oder die Welt aber Pech gehabt. Leute, was lache ich, wenn das mit den Aliens mal in echt passiert.

Ich werde lachend sterben. Männer sind da komplett humorlos, die meisten jedenfalls.

In Japan (und Korea) sind die Leute weiter. In der sogenannten JRock oder JPop-Szene gibt es ganz viele bunte Boybands, die dürfen sich alle lustig schminken und verkleiden spielen, ohne dass da jemand unbedingt meint, die sind gemein schwul und müssten sofort dafür vor dem Mäckes verprügelt werden. Im Gegenteil, die Mädels stehen drauf wie ne Eins, wenn die mit diesem Image spielen. Und wenn die sich dann nur für Spaß mal auf der Bühne küssen, heißt das "Fanservice" - weil, da stehen die ja drauf. Und wenn auch die Hälfte von den Jungs zuhause ne Frau hat, völlig egal, ist ja nur ein Spiel. Die Mädels müssen sich dann auch nicht sehr merkwürdig und leicht pervers vorkommen, sondern tauschen im Internet munter kleine sexy Stories aus, die sie ihren Popstars andichten. Macht das Leben bunter.

Aber bunter, da hat es Deutschland ja nicht so mit. Da grübelt man schwersinnig nach, trägt dunkelblaue Tatzenjacken und ersinnt Computer und Autos. Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt, wie damals, als mit Alfred Biolek mal ein bekennender Schwuler in den Medien war, der keine Federboa trug und als Frau auftrat (wie, das ist nicht das Gleiche?). Aber in Sachen Geschlechterrollen, einfach mal alles ganz locker sehen und die Menschen in ihrer unterschiedlichen Lebensart einfach akzeptieren - das klappt noch nicht.

Komplett unspießige Männer, die, auch wenn sie lieber mit Frauen schlafen, mal so ein bißchen mit dem Image kokettieren, bi zu sein? (Wenigstens so tun... ich verhandel schon... Bi ist ja wohl für die ältere Generation nicht so die Option, oder kennt das einfach keiner? Hm?) Gibt es vielleicht drei. Irgendwo. Hab sie jedenfalls noch nicht getroffen.

In Amerika gibts junge Leute wie Ezra Miller, der, auch wenn er deutlich häufiger eine Frau im Arm hat, auch einfach mal sagt: Ich lass mir da gar nix vorschreiben, einen Regenbogen-Button trägt und meint: Ich verliebe mich in Personen, nicht in Geschlechter.

Und hier? No Fanservice in Germany!



Donnerstag, 25. Juni 2015

HSP, die hochsensible Prinzessin

Warum wollen Menschen, die eigentlich auf Individualität und Unabhängigkeit stehen, gerne zu irgendeiner Gruppe gehören? Das fragte ich mich unlängst, über mich selbst reflektierend. Ganz einfach. Man will weniger einsam sein. Jeder, mag er noch so ein Eigenbröder sein, will das, da kann mir keiner was erzählen.
Und: Man will sich selbst verstehen. Auch das will jeder. es hilft einem nämlich, zu denken, man wäre nicht bekloppt.

Ich finde mich selbst immer recht anstrengend, immer ist irgendwo Alarm, irgendwas stimmt nicht, ich finde mich dann selbst undankbar für mein schönes Leben, aber keine Angst, ich empfinde Glück ebenso intensiv wie meine innere Unruhe.

Und da liegt mein Problem: Ich empfinde alles sehr intensiv. Ach, wie schön, ja, klar, aber es ist anstrengend, und ein Teil von mir möchte sich auf ein Sofa legen und sich langweilen, und NICHTS denken. Vielleicht sollte ich es wirklich mal mit der "Meditation bis zum todesähnlichen mentalen Zustand" versuchen. Wenn ich da nicht zu viel zu tun hätte und zu unruhig wär.*nervös kicher*

Ich habe mich selbst unlängst als hochsensible Persone eingestuft und habe mich dann vor der ausgedachten Reaktion anderer weggeduckt. Die sehe ich den Kopf schütteln und sagen: "Ja, diiee, die will auch was haben, um interessanter zu sein, und außerdem ist die einfach nur die Prinzessin auf der Erbse. Die kriegt in echt nicht mit, wie es mir manchmal geht."

Jau. Ja, ich reagiere nicht immer auf das, was ich glaube zu sehen und zu merken, weil ich nie weiß, wie weit ich in die Gefühlswelten Anderer eindringen darf. Ich denke zu viel da drüber nach, und dann fühle ich mich hilflos und tu nix.

Und ich will nix haben. Ich will normal sein, und ausgeglichen, und langweilig. Ich will gleichmäßig sein. Aber die Welt ist voller Gerüche, Anblicke und Erlebnisse, die mich gleichzeitig anstrengen und süchtig machen, daher gehe ich zu einem Konzert, obwohl ich vorher Migräne kriege, Herzklopfen und nicht pennen kann, nur weil ich daran denke, dass hinter mir Menschen stehen und ich nicht sofort weg kann. Dreimal war es so schlimm, dass ich nicht gehen konnte, und da habe ich mich hinterher mächtigst geärgert. Too much, too many people. Anderseits kann ich stundenlang dasitzen, mit dem Rücken zu einer Wand bitte, und mir das reinziehen. Wimmelnde Wesen. Und dann brauche ich eine lange Pause.

Gerüche, Licht in einer fiesen Farbe (Neon), gleichmäßige Geräusche wie Ticken machen mich wahnsinnig, das Grün und Blau der Natur macht mich süchtig und rührt mich zu Tränen. Gerührt bin ich sehr oft über irgendwas, und dass kann ich super verbergen, außer wenn die doofen Tränen in meine Augen steigen und meine Stimme zittrig wird. Ich bin die Dramaqueen und die Prinzessin auf der Erbse, die nicht pennen kann, weil die Katze so laut geht und ihre Krallen auf dem Boden klickern.

Und dann erst das Langzeitgedächtnis, das alles in meine Festplatte eingebrannt hat. Ich kann mich erinnern, wie das Zimmer des Nachbarsjungen aussah, als ich sieben war. Ich erinner mich an Kleinkram, der mir unnütz das Gehirn verstopft, wenn er auftaucht wie Handpuppen im Kasperletheater, unmittelbar und albern oder erschreckend. Ich stehe dann an diesem Ort, und jetzt gerade sehe ich ein Appartment, in dem ich mit meinen Eltern auf Gran Canaria war. Die Fliesen sind braun und es riecht nach diesem desinfizierenden Chlorputzmittel, das es nur in südlichen Ländern zu geben scheint. Ich trage einen kurzen, dunkelblauen Chinabademantel mit weißem Schriftzeichen, Zöpfe, meine Brille und einen Strohhut.

Na, bin ich bekloppt? Hochsensibel, und wenn das klingt wie kleine zickige Mädchen, die sich die Ohren zuhalten, na dann kann ich damit leben, denn anscheinend gibt es noch andere wie mich. Das tröstet irgendwie ungemein.



Mittwoch, 18. Juni 2014

Ich muss mal weniger mitteilsam werden....

...ist ja schon mal eine bescheuerte Überschrift für einen Blog.

Aber echt, ey. Warum will ich eigentlich jemandem, der mich verletzt hat, das unbedingt mitteilen?

Ist gar nix dramatisches. Sagen wir mal, jemand hat was angekündigt und das dann nicht gemacht, und andere waren deswegen enttäuscht. Das sitzt dir dann quer und du denkst: "Merkt der das nicht?"

Zunächst mal: Das war nur ein Bekannter, kein richtiger Freund. Jemand, mit dem manche vielleicht gern befreudet wären, aus welchen Gründen auch immer, aber mit der Zeit bekommst du heraus, der nimmt immer mehr als er gibt und ist daher unbedingt nur als Bekannter einzustufen.

Warum zum Drecksgeier willst du ihm das alles unbedingt mitteilen? So wie die Kinder, die der Kindergärtnerin am Rock ziehen und heulen "De-her Kevin war ge-he-mein zu mi-hir!"? Ach herrje. Mir ist meine eigene Motivation nicht klar. Warum will man jemand anderes auf seine eigene Verletzbarkeit aufmerksam machen, gerade wenn es irgendeine kleine Pissigkeit ist, die einem am Arsch vorbeigehen sollte? Stattdessen bedient man sich plötzlich der Fäkalsprache und schreibt Blogs, die eh keine Sau liest.

Einmal bin ich wütend, weil der Typ meine echten Freunde enttäuscht hat, und die Wut ist noch nicht weg. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch (hat man bisher noch gar nicht gemerkt, ne? Flööt..) und in meinem Kopf ist immer Party, als würden sich da alle Spaß- und Depri-Hormone der körpereigenen Chemiefabrik gerne auf ein Tänzchen treffen. Da neigt man zum Überbewerten. Ganz zu schweigen von meinem hyperaktiven Verstand, der zwar für Mathe zu faul ist, aber menschliche Verhaltensweisen gerne totanalysiert.

Dann will ich vielleicht eine Reaktion, aber was für eine, ist mir selbst nicht klar. Soll der sich geläutert entschuldigen und denken, boah, was bin ich für'n gedankenloser Typ, und dann hüpfen wir alle als Freunde in den Sonnenuntergang?

Vergiss es. Let it be. Es war ja so, dass der Typ dich und deine Freunde und sein Vorhaben vergessen hat, weil es ihm nicht wichtig genug war. Es ist halt nur ein Bekannter, also solltest du, um mal auf die gute alte Fäkalsprache zurückzukommen, auf die ganze Sache scheißen und weitermachen. Dem ist das aus dem Kopf gefallen, bei dir muss man es rausschubsen, aber dann sollte auch mal gut sein mit Drama.

Denn die echten Freunde, die hätten auch gern ein Stück von deiner Zeit und die solltest DU nicht enttäuschen...

Dienstag, 4. Februar 2014

Die Gefangene der Nettigkeit

Ach ja, ist doch nett, wenn man einem Freund mal einen Gefallen tun kann. Oder auch zwei. Macht doch Spaß und der freut sich so, dann freut man sich gleich mit, ne?

Der Freund, dem du all die Gefallen tust, ist charmant und lobt dich, schön für's Ego, macht ja auch Spaß, und gut für die Freundschaft ist es auch, oder?

HAAALT (Comicartiges Bremsgeräusch einfügen). Was tut er für dich, der Freund? Jetzt außer Lob verteilen wie Snacks an einen Hund. Fein gemacht... wuff!
Oh, was, er hat keine Zeit, hm, ach so, na ja, das ist natürlich wichtiger, als... ehhh.. und plötzlich stehst du da und merkst: HAHAHA! Das IST überhaupt kein Freund, das ist nur ein Bekannter, der deine Nettigkeit ausnutzt, Aufmerksamkeit in kleinen Portionen bietet und es irgendwie schafft, dass du dich zufrieden-dümmlich grinsend in das Arrangement reinschmeisst?

Ich tu es doch gern... eines Tages gibt es was zurück (ach, Freundschaft gibts jetzt nach Punktesystem auf Bestellung), bla bla bla... Ich bin da ja nicht berechnend, ich will gar nichts zurück, der kann ruhig... ne, ach so, du musst schon weg, na ja, nee, ist okay, dann tschüss.

"Die Musik ist aus, man ist immer noch da" (Fanta 4)

Wisst ihr, meine süßen Selbstlosen, die Sache ist die: Natürlich macht man für Freunde oder Fremde nicht was aus Berechnung und hält gleich die Hand auf. Aber wer stupst uns an, wenn es ein Ungleichgewicht gibt, dass sich nicht ändern wird? Wer warnt uns, wenn man sich eine Freundschaft nur ausdenkt, um sich seine eigene Doofheit schön zu reden?

Doch, man erwartet was zurück, nämlich nicht ausgenutzt zu werden, oder etwas Ehrlichkeit, oder Freundschaft. Aber genau die wird nicht gekauft und verkauft. Du hast von vornerein falsch gelegen, einen Vertrauensvorschuss gegeben. Weil du dachtest, die Person sei es das wert.

Blöd, wenn man sich dann immer mehr Ausreden ausdenken muss, wenn man zum bloßen kostenlosen Dienstleister mutiert und ein Teil von einem bereits schnallt, dass man so etwas gar nicht Freundschaft nennt. Eine Freundschaft, die man aus irgendwelchen Gründen ja so gewollt hat. Und dann musst du dir den schmerzhaften Ruck geben und mal emotional zweihundert Schritte zurückgehen.

Nee, der hat nie was versprochen, ist immer schön unverbindlich geblieben, und ist unangreifbar nett. Dann mach auch keinen Tanz, sei ebenso nett und unverbindlich und ignorier solche Leute einfach mal eine Weile. Wenn Sie's gar nicht erst merken, kannst du langsam mal die Tempos rausholen, und die Illusionen auf gaaanz große Kreuzfahrt schicken, auf dass sie am Kap der großen Verarschung zerschellen mögen. Kann fiese wehtun. Nee, tut erwiesenermaßen fiese weh.

Wird charmant nachgefragt und eingefordert, gaaanz lieb, dann supi-dupi-disneyvogel-lieb erklären, man hätte grad nicht so richtig Zeit. Oder einfach mal alle Finger schnell bewegen und ihn auffordern, "Stopp" zu sagen. Treffer, versenkt.

"Servidor de nadie soy" (Enrique Bunbury)



Mittwoch, 20. November 2013

Aus Versehen glücklich

Neulich war ich aus Versehen glücklich. Das ist die Art von Glück, die man nicht herbeirufen kann, sondern die einem zufällig passiert.

Ich saß beim Mittagspäuschen inmeinem Wohnzimmer, blätterte in einer Zeitschrift, aß ein Brötchen vom Vollkorn-Lieblingsbäcker und naschte vom Rest Kartoffelsalat. Draußen knallte die Sonne an einem kalten Tag vom Himmel und erleuchtete die Orchideen auf dem Fensterbrett.

Zur Abwechslung hatte ich mal keine Sätze am Start, die mit "Ich sollte", "Ich müsste", "Warum" oder "Wie" anfangen. Ich dachte eigentlich nur: "Das Schinkenbrötchen schmeckt ja echt total geil zu dem Kartoffelsalat!", da passierte es.

Ich war glücklich. Nicht so'n bißchen, sondern kristallklar, knallermäßig glücklich, so, dass man dann kurz lachen muss.

Ich dachte an die Millionen Menschen, die gerade irre Energien, Geld, Drogen usw. einsetzen, um auch nur viertel so glücklich zu sein wie ich, oder an die, die von Ruhm, Schönheit und arschteuren Urlaubszielen träumen (jaja, mach ich auch manchmal). Und da sitz ich, mampf ein Brötchen, picke mit der Gabel Kartoffelsalat aus einem Plastikeimer, gucke auf die Orchideen und bin glücklich. Mit großem G. Dabei habe ich Kopfschmerzen und sonst immer was zu denken. Siehe oben.

Ich hab das manchmal, ganz unerwartet. Die Sonne fällt in einem bestimmten Winkel in einen Baum, tausende Grüntöne leuchten auf. Und ich denk: Man! Ich darf das sehen! oder auf meinem MP3-Player kommt genau das richtige Lied, und ich denke: Hahaha! Ihr wißt alle gar nicht, wie geil das gerade ist!!

Ich wünsche das jedem, diese Fähigkeit, und wenn ich jetzt diesen Glückwunschkarten-Satz sage, müsst ihr mir das vergeben, aber die kommen ja nicht von ungefähr auf so'ne hohe Auflage:

Achtet auf die kleinen Dinge. Das sind Geschenke für euch vom Universum.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Aktion, Reaktion, Funktion oder: Das Let It Be-Prinzip

Tief unter meiner komplizierten Schale bin ich ein einfacher Mensch. Ich weiß Einfachheit zu schätzen. Daher mag ich technische Dinge, da geht es um das Funktionsprinzip: Eine Kraft wird investiert, in eine Maschine mit einer Funktion gesteckt, und das Ergebnis ist gewollt und bekannt. Sehr entspannend. Diese Maschinen werden zu bestimmten Zwecken gebaut, die dann jeder kennt. Wenn sie mal kaputt sind, kann man sie reparieren oder ersetzen, und schon gibt es wieder das gewollte Resultat.

Im Leben passieren aber oftmals Dinge, die diesem Funktionsprinzip gar nicht zu entsprechen scheinen. Unlogische, doofe, sinnlose Dinge. Oder, noch schrecklicher, komplett bedeutungslose Dinge.

Es könnte dir zum Beispiel passieren, dass du eine Person triffst, bei der du dir sicher bist, dass du sie aus einem früheren Leben kennst. Das muss doch was bedeuten? Da gibt es doch eine Botschaft vom Universum, eine gemeinsame Aufgabe?

Du hast zu viele amerikanische Spielfilme gesehen. Das kann passieren und garnix heißen. Oder vielleicht verliebst du dich in irgendwen und denkst: Herrje, was'n jetzt? Da stimmte wohl irgendwas nicht mit meinem Leben, da muss ich alles umschmeißen? Was will das Schicksal mir damit sagen?

Oder man erhält irgendein Wissen oder einen Gegenstand, den/das man für sich nützen könnte oder oder oder. Das "Schicksal" (fette Anführungszeichen) hat dir einen Ball zugespielt, das hat eine Bedeutung, und du musst reagieren. LOS!

Oder nämlich nicht. Ich halte es inzwischen durchaus für möglich, dass ein weiser Mann namens John Lennon recht hatte, der meinte: "Let it be". Lass es sein, wie es ist. Und gut.

Aber das ist hart. man will eine Beduetung in den Dingen sehen, die passieren, da sie ja auch so besonders wirken. Uuuh, geheimnisvoll, schicksalhaft, dramatisch, und nach dem Tääätäää! ist das Spotlight auf dich gerichtet und du sitzt da wie das sprichwörtliche Kaninchen und denkst: "???".

Dann beginnt das Interpretieren, das Gedankenkreiseln, das Abchecken der Optionen. Und es kommt nur Scheiße bei raus. Keine Message, keinen tollen Lösungen - und: Keine Bedeutung. Schlimm, ne? Es erfordert einen große Willensanstrengung, etwas einfach als gegeben zu akzeptieren und daran nicht herumzudoktorn, keine Konsequenzen zu ziehen. Nämlich dann, wenn alle Signale auf Rot stehen, und alles in deinem Kopf dir zuruft: Nö, las mal, alles Sackgassen. Bleib, wo du bist, let it be. Kein einfaches Funktionsprinzip, einfach ein blöder Zufall, wie es ihn wahrscheinlich millionenfach gibt. Schicksal ist eine Erfindung von Schnulzensängern aus den Fünfzigern!

Das ist eine weitere Lernstunde des Universums: Akzeptieren, das etwas, was dir wichtig erscheint, bedeutunglos ist und keine Handlungen und Ideen dich da weiter oder raus bringen.

Der erleuchtete Prinz Siddartha aka Buddha hat sich da bestimmt schon mal einen Kopf drum gemacht, vielleicht sollten wir da mal nachlesen. Bis dahin: Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn es heißt: "Schicksal? Geh mir vom Hals mit dem Mist".



Donnerstag, 11. Juli 2013

Die Macht der Vergangenheit

Im Spiegel lächtelt dich ein selbstbewußter Mensch an. Du bist über 40, und hast dir endlich erkämpft, dass du weißt, wer du bist, was du kannst, was dir gut tut und was nicht.

Du hast Freunde, vielleicht einen Partner, eigentlich magst du dich so, wie du bist. Du bist selbstsicher und läßt dir nicht mehr so schnell in die Suppe spucken.

Aber in dir wohnt noch die Vergangenheit. Sie kommt manchmal zurück, vielleicht in Form eines Exfreundes, den du in der Stadt siehst, der Stalker. Keine reale, aktuelle Gefahr mehr, aber plötzlich überfällt dich die Hilflosigkeit von früher wieder. Alle können sagen: Ach, der tut nix mehr. Warum sind dann Angst und Scham noch so lebendig?

Manchmal ist es eine Kombination aus Erinnerungen und aktuellen Gefühlen, die dir deine Beine wegsäbelt. Ohne Warnung. Jemand, den du gerne magst, der meldet sich nicht, das heißt aber gar nichts, denn der hat ja viel zu tun. Dein böses Gehirn flüstert dir eine Fußnote zu: Und du stehst ja auf der Prioritätenliste viel weiter unten, als du geträumt hast.

Dann eine Erinnerung: Eine Féte, du warst Teenie. Das war lustig. Musik, was zu rauchen, Leute. Tatsächlich warst du teilweise so weggeschellert, dass du nicht mehr viel weißt von der Nacht.

Doch. Jetzt, wo du nachts wachliegst, fällt es dir wieder ein: Du hast, als du schlafen wolltest, wachgelegen. Denn eigentlich warst du nur Zaungast in diesem bunten Treiben. Die anderen waren cooler, hübscher, mutiger. Die hatten auch den Mut, mal Jemanden anzulabern. Jemanden aufzureißen. Aber du, du warst ja so... unsichtbar. Der Beobachter.

Mal hart formuliert: In der Nacht hatten wahrscheinlich alle Sex, außer mir. Es war nicht so, dass ich nicht wollte. Mir schien bloß der Eintritt in diese Welt verwehrt, wegen meines Selbstbewußtseins. Ich lag da in meinem Schlafsack, ich konnte die anderen hören. Ich bin gestorben damals, ich habe geheult, mich scheiße gefühlt. Und dann, 30 Jahre später, kommt das Gefühl zurück.

Warum zu Geier? Ich dachte, ich wäre hier sicher. Ich habe einen Partner, der mich liebt, ich kann es in seinen Augen sehen. Warum hat das diese Macht über mich, dass ich heule, als würde ich wieder in diesem Schlafsack liegen? Ich bin da drüber. Ich weiß, so blöd seh ich gar nicht aus.

Ein Teil von mir will unbedingt in die Zeit zurück und mir selbst zuflüstern: Vergiß doch deine blöde Brille. Vergiß, was deine Mutter gesagt hat, dein Vater, der blöde Cousin deiner Freundin. Der hat nämlich, als ich in den eine Woche verschossen war, mal meine Brille abgenommen, mich gemustert, dann einfach nur verneinend den Kopf geschüttelt und mir die Brille zurückgegeben. Danke, Wichser, sage ich heute. Damals eher so: Ach, es liegt gar nicht an der Brille. Mein Gesicht ist scheiße.

Aber ich mache es nicht ungeschehen, und es tut einen kurzen Moment so weh wie früher. Niemand gibt mir die Jugend zurück mit ihren Möglichkeiten und Gelegenheiten, die ich nie genutzt habe. Ich-kann-es-nicht-ändern.

Ich muss mich einfach beruhigen, denn die Gegenwart muss ich nicht ändern. Die ist gut, wie sie ist, und dafür bin ich dankbar. Wenn die Vergangenheit mit klammen Fingern nach mir greift, habe ich Freunde, die mir helfen können. Ich muss Fremden nicht gefallen, schon gar nicht solchen, die mich nicht auf ihrem Zettel haben. Der kleine, wuselige, bebrillte Teenager in mir ist immer noch da, und ich habe keine Ahnung, warum die Vergangenheit noch so eine Macht hat.

Aber das geht vorbei. Wie die Jugend.